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Daniel Schnelting: Sprint-König mit Diabetes

Daniel Schnelting ist Deutschlands Schnellster über 200 Meter. Sein Diabetes ist ihm kein Hindernis – höchstens Ansporn


Sprint zum Siegertreppchen: Daniel Schnelting führt das Feld an

Vielleicht wäre Daniel Schnelting ohne seine Diabetes-Erkrankung nie so weit gekommen, könnte nicht auf so viele Titel und Medaillen als Sprinter zurückblicken. "Ich weiß nicht, ob ich ohne den Diabetes die Disziplin und Willensstärke für den Sport aufgebracht hätte", sagt er.

Daniel Schnelting aus Velen im Münsterland ist einer der stärksten deutschen Läufer auf Sprintstrecken und dreifacher Deutscher Meister über 200 Meter. Und: Er hat seit früher Kindheit Typ-1-Diabetes. "Meinen fünften Geburtstag habe ich im Krankenhaus verbracht", erzählt der 25-Jährige. Nur ein paar Tage zuvor hatten die Ärzte die Diagnose gestellt, die fortan sein Leben begleiten würde.

"Ich habe keine schlechten Erinnerungen daran. Als Kind lernt man wahrscheinlich leichter, eine Krankheit anzunehmen. Aber für meine Eltern muss es schrecklich gewesen sein." Schneltings Eltern betreiben eine Landwirtschaft. Seine Mutter informiert sich ausführlich über Diabetes. Sie managt die Krankheit ihres Jüngsten mit viel Bedacht und lehrt ihn, Stück für Stück, Verantwortung für sich und seinen Körper zu übernehmen. "Blöd war nur, dass ich immer um 18 Uhr zu Hause sein musste zum Spritzen. Dabei hätte ich lieber mit meinen Freunden noch Fußball gespielt", erinnert er sich.

Mit Talent und Durchhaltevermögen ganz nach vorne



Der Sprinter mit einigen seiner Medaillen

Mit neun oder zehn Jahren, so genau weiß er das nicht mehr, hat er angefangen selbst zu spritzen. Für einen kleinen Jungen ein großer Schritt in die Selbstständigkeit. Daniels Beine beginnen ihn zu tragen. Und er läuft schnell. Als 13-Jähriger fängt er mit der Leichtathletik an. Der Junge hat Talent und das nötige Durchhaltevermögen, um ganz nach vorne zu laufen.

Mit 17 Jahren stellen sich die ersten größeren Erfolge ein. Mit 19 wird Daniel Jugendeuropameister – und ist nicht mehr aufzuhalten. 2007 dann der erste Deutsche-Meister-Titel über 200 Meter, auf den bislang zwei weitere folgten. "Das erste Mal ist immer das Größte", erzählt der 1,97-Meter-Hüne. "Ich bin als Außenseiter angetreten." Nach den ersten 100 Metern lag er drei oder vier Meter zurück. In der zweiten Hälfte der Distanz läuft Daniel an den Favoriten vorbei – und gewinnt. "Ein geiles Gefühl! Ein Riesentriumph!", freut er sich noch heute.

"Ich habe meinen Diabetes nie als Handicap gesehen"



Dehnen und Aufwärmen hilft, Verletzungen zu vermeiden

Ein Sieg auch über den Diabetes? "Eigentlich nicht. Ich habe meine Krankheit nie als Handicap gesehen. Und schon gar nicht als Vorwand, bestimmte Leistungen nicht zu erbringen." Für Daniel ist sein Diabetes ganz normal. "Vielleicht wäre es im Sport manchmal einfacher, wenn ich nicht ständig meinen Blutzucker kontrollieren müsste. Aber ob ich besser wäre, kann ich nicht sagen."

Womöglich wäre sogar das Gegenteil der Fall. Der Diabetes hat ihn zu Disziplin und Geradlinigkeit erzogen. Die braucht er als Spitzensportler. In der Wettkampf-Saison trainiert der 25-Jährige sechs bis acht Mal pro Woche, im Trainingslager noch öfter.
Trainieren bis zur Erschöpfung, dabei ständig den Blutzucker im Blick. "Bei Wettkämpfen, wenn Stress und Aufregung hinzukommen, verbrauche ich bis zu 15 Teststreifen", erzählt er. Daniel weiß: Nur wenn seine Werte optimal sind, kann er Höchstleistung bringen.

Umgekehrt hilft ihm der Sport, den Insulinverbrauch gering zu halten. "An Trainingstagen brauche ich ungefähr 30 Prozent weniger", sagt er. Auch abseits der Aschenbahn genügt Daniel dank seiner Fitness eine geringere Insulindosis als vielen anderen Typ-1-Diabetikern. Sein Blutzucker-Langzeitwert liegt konstant zwischen sechs und sieben.

Engagiert in der Diabetes-Aufklärung – vor allem für Kinder



Der Läufer muss eine Sehnenverletzung auskurieren

Daniel Schnelting geht offen mit seinem Diabetes um. Schon allein, weil Trainer und Sportlerkollegen informiert sein müssen, damit sie im Notfall richtig handeln können. "Bisher habe ich zum Glück nie Hilfe gebraucht", sagt er. Auch vor der Öffentlichkeit versteckt er den Diabetes nicht. Im Gegenteil. Daniel ist ein Vorbild, vor allem für Kinder.

Er hält Vorträge, engagiert sich in der Aufklärungsarbeit und ist Botschafter in einem Projekt für Kinder mit Diabetes. Seine Message: Diabetes ist keine Behinderung. Man kann damit gut leben, wenn man sich an die Regeln hält. "Mir ist es wichtig, Kindern zu vermitteln, dass sie ganz normal sind und genauso viel erreichen können wie Jungen und Mädchen ohne Diabetes."

Natürlich hatte auch Daniel schlechte Phasen. Und manchmal beschäftigen ihn Gedanken an mögliche Folgeerkrankungen. Kürzlich war er beim Augenarzt. "Der war fast sicher, dass meine Augen nach 20 Jahren Diabetes in Mitleidenschaft gezogen sind. Doch zum Glück ist alles okay. Ich denke: Solange ich Sport treibe und gesund lebe, habe ich nichts zu befürchten", sagt Daniel Schnelting.

"Auch ich muss meinen inneren Schweinehung überwinden"



Daniel Schnelting beim Sportler-Frühstück

Einen gesunden, aktiven Lebensstil möchte er auch anderen Diabetikern näherbringen. "Gerade Typ-2-Diabetiker können ihre Werte damit enorm beeinflussen", sagt er. Sport sei immer anstrengend – sogar für Athleten wie ihn. "Auch ich muss meinen Schweinehund überwinden und gehe ins Training, obwohl ich manchmal lieber auf der Couch bleiben würde." Aber das Gefühl danach, Zufriedenheit, Euphorie, wenn man’s geschafft hat, sei unvergleichlich.

"Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum" lesen Fans auf Daniels Internetseite. Ziele verfolgen, Chancen ergreifen – ist das Credo des Athleten, der sein ganzes Leben sportlich sieht. Quasi nebenbei hat er studiert und das Studium vor Kurzem als Wirtschaftsingenieur abgeschlossen. Er arbeitet Teilzeit, um sich aufs Training konzentrieren zu können, und erhält dazu Unterstützung von der Deutschen Sporthilfe.

Nächstes Ziel: Die Olympiade 2012 in London

Sein Diabetologe weiß, dass Daniel seine Krankheit voll im Griff hat. Wie jeder andere Patient geht der 25-Jährige einmal im Vierteljahr zur Routineuntersuchung. Routine – mehr sind die Arztbesuche in der Tat nicht. "Durch den Sport habe ich ein gutes Körpergefühl und merke schnell, wenn ich unterzuckere, auch nachts. Ich bin noch nie ohnmächtig geworden", sagt er.

Trotzdem hat Freundin Christina ein Auge auf ihn. "Sie kennt mich sehr gut und merkt oft schneller als ich, wenn mein Blutzucker zu niedrig ist." Meistens fängt Daniel dann an, ruhelos aufzuräumen. Für Christina ein untrügliches Zeichen, dass es Zeit für eine Messung ist. "Wegen einer Verletzung an der Achillessehne konnte ich diese Saison nicht so viel trainieren", bedauert er. Er hat erkannt: Auch Niederlagen und Rückschläge gehören zum Leben – ob mit oder ohne Diabetes.

Aber noch wichtiger als die Rückschläge sind die Ziele. Daniel Schnelting hat ein großes Ziel: die Olympischen Spiele 2012 in London. Höher, schneller, weiter – das olympische Motto beflügelt den zuckerkranken Sportler. Sein Diabetes ist ihm weder Ausrede noch Hindernis.


Dreimal Deutscher Meister

Daniel Schnelting (25) ist Deutscher Meister über 200 Meter Sprint. 2007 holte er sich den Titel mit 20,88 Sekunden (links: Schnelting zwischen den Zweit- und Drittplatzierten Alexander Kosenkow und Till Helmke) und verteidigte ihn seitdem zweimal, zuletzt 2010. Daniel Schnelting hat seit 20 Jahren Typ-1-Diabetes. Für ihn sei die Krankheit nie ein Handicap gewesen, sagt er.



Simone Herzner / Diabetes Ratgeber; 21.12.2011
Bildnachweis: W&B/Thomas Pflaum, AP/Mindaugas Kulbis

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